Traumatische Erfahrungen hinterlassen Spuren im Körper und Nervensystem
Nahezu jeder von uns trägt ein Trauma mit noch unverarbeiteten Gefühlen in sich. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir auch auf Teilnehmende mit einer Trauma-Vorbelastung in unseren Yoga-Stunden treffen.
Ein Trauma entsteht, wenn eine Situation zu überfordernd ist. Sehr starke negative Gefühle empfunden werden, die bedrohend wirken und auf die in diesem Moment nicht angemessen reagiert werden kann. Der Kampf- und Fluchtimpuls ist kein Ausweg, die Erfahrung kann somit nicht vollständig verarbeitet werden. Dadurch entwickeln sich bewusste oder unbewusste Vermeidungs- und Schutzstrategien.
Welche Situation zu einem Trauma führt, ist individuell verschieden. Machen wir im Kleinkindalter die Erfahrung, dass unsere Mutter beispielsweise emotional nicht verfügbar ist, dann kann hieraus ein Bindungstrauma entstehen. Ein früher Verlust eines Elternteils durch eine Scheidung oder Todesfall, kann ein Verlusttrauma auslösen. Aber auch vermeintlich unscheinbare Situationen, wie ein Umzug in eine andere Stadt und die damit verbundene Entwurzelung und Trennung von Freunden, können Auswirkungen auf tieferen Ebenen in uns haben.
Der meditative und ruhige Yin Yoga Stil lädt dazu ein, den Blick nach innen zu richten, zu reflektieren, still und passiv zu werden. Dabei werden sowohl auf der körperlichen, mentalen als auch energetischen Ebene Prozesse angestoßen und Energien freigesetzt. Zusätzlich gleicht unser Körper einem Zellgedächtnis, in dem alle Arten von Erinnerungen und den dazugehörigen Gefühlen abgespeichert sind. Das kann dazu führen, dass sich während einer Yin Yoga Stunde beispielsweise Emotionen in Form von Tränen lösen, innere Bilder von Situationen und Geschehnissen aufsteigen, oder sich Ärger, Wut, Scham oder Schuldgefühle zeigen. Traumatische Erfahrungen hinterlassen in unserem Körper Spuren, die in einer meditativen Umgebung den Raum haben, zum Vorschein und an die Oberfläche zu kommen.
Wie kann der Yin Yoga Unterricht traumasensibler gestaltet werden?
Es gibt verschiedene Aspekte, die dabei berücksichtigt werden können. Das Nervensystem spielt bei traumatischen Erfahrungen eine zentrale Rolle. Es kann sein, dass die sympathische Aktivierung auf einem so hohen Level ist, dass sich Teilnehmende im Bereich des Kampf- & Fluchtmodus befinden und deshalb gar nicht in der Lage sind, zu entspannen. Empfundene Gefühle können Angst, Wut, Panik oder Unruhe sein. Bei einer zu starken parasympathischen Aktivierung hingegen, reagiert der Körper durch einen Freeze-Zustand. Gefühle der Ohnmacht, Lähmung oder des Betäubt-Seins sind hier vorherrschend.
Tipps für die Yin Yoga Praxis
Übungen, die auf das Nervensystem beruhigend und ausbalancierend wirken, eignen sich, um mehr Orientierung und Schutz zu geben. Die Propriozeption und Exterozeption unterstützen das Körperbewusstsein und helfen dabei, das innere Gleichgewicht herzustellen. Das könnte zum Beispiel eine rotierende Übung mit offenen Augen sein, in der Teilnehmende bewusst dem Blick im Raum folgen, mit den Händen die Struktur der Matte wahrnehmen und spüren. Erdung, Stabilität und Wahlmöglichkeiten stehen generell im Vordergrund bei der Yin-Praxis.
Asanas, die Teilnehmende in eine stark exponierte Position bringen, die Mobilität stark einschränken und wenig Möglichkeiten geben, sich aus der Haltung zu „befreien“, sollten vermieden werden. Ein Beispiel für so eine Asana ist der Sattel oder der Halbe Sattel.
Tipps für das Verhalten als Lehrende:r
Die Sprache und die Wahl der Worte während einer Yin Yoga Stunde haben einen großen Einfluss auf die Atmosphäre und das Wohlbefinden. Einladende Formulierungen, Zeitangaben und Optionen, die die Wahl- und Entscheidungsfreiheit fördern, sollten in den Unterricht eingebaut werden. Wohingegen Aussagen, die auf eine „geschützte Haltung“ oder „eine Entspannung, die jetzt im Körper gefühlt werden kann“, vermieden werden sollten. Zusätzlich ist es ratsam, sich wenig im Raum zu bewegen und stattdessen auf der eigenen Matte mit zu praktizieren.
Wenn du tiefer in das Thema eintauchen möchtest, und erfahren magst, welche Abwägungen berücksichtigt werden sollten, wenn Teilnehmende in einer akuten Belastungssituation, proaktiv auf dich zukommen, dann melde dich gerne für den anstehenden Workshop an.